Impuls zum 4. Oktober 2026
Von Stefan Voges, pax christi Aachen
Evangelium
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes:
Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun? Sie sagten zu ihm: Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, / er ist zum Eckstein geworden; / vom Herrn ist das geschehen / und es ist wunderbar in unseren Augen? Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt. (Mt 21, 33–42.44.43)
Gedanken zum Evangelium
Die Deutung des Gleichnisses liegt eigentlich auf der Hand. Der Weinbergbesitzer ist Gott, die Pächter sind die Hohepriester und die Ältesten, zu denen Jesus spricht. Der Weinberg ist das Volk Israel. Dieser Weinberg wird nun anderen Pächtern übergeben, die die Früchte des Reiches Gottes erbringen – also denen, die Jesus nachfolgen. Die entscheidende Frage lautet also, ob die religiösen Autoritäten ihre Aufgabe, den Willen Gottes zu leben und zu lehren, wirkungsvoll wahrnehmen.
Es fällt offensichtlich nicht schwer, das Gleichnis zu deuten. Etwas anderes aber ist schwerer zu verstehen: die Gewalt, die in der Erzählung eskaliert. Die ersten Knechte, die der Weinbergbesitzer schickt, werden verprügelt, getötet, gesteinigt. Beim zweiten Mal ergeht es den Knechten genauso. Auch der Sohn wird umgebracht. Was für eine Gewalt! Weil es meist vorrangig darum geht, was das Gleichnis bedeutet, nehmen wir die Bilder, die Jesus hier verwendet, oft gar nicht in ihrer Brutalität wahr. Wie viel Mord und Totschlag in wenigen Zeilen! Es stellt sich die Frage, ob diese Bilder geeignet sind, um uns Gott nahezubringen.
Es gilt, genau hinzuschauen. Die Gewalttaten, von denen Jesus erzählt, sind grausam. Als Bilder für die Geschichte der Propheten und als Vorausblick auf das Schicksal Jesu spiegeln sie jedoch die grausame Wirklichkeit. Davon zu unterscheiden ist die Eskalation der Gewalt auf der Gegenseite: Er, der Weinbergbesitzer, wird diese bösen Menschen vernichten. Dies ist die Reaktion, die die Zuhörer Jesu vermuten. Wie selbstverständlich gehen sie davon aus, dass Gewalt mit Gewalt beantwortet wird. Aber Jesus bestätigt diese Antwort nicht! Er verlässt das Gleichnis des Weinbergs und wechselt in ein anderes Bild, das Bild vom Stein und den Bauleuten.
Ein Weinbergbesitzer, der die Pächter vernichtet, ihnen das Leben nimmt, würde auch so gar nicht zur Verkündigung des Mannes aus Nazareth passen. Hat er nicht in der Bergpredigt von einem Vater gesprochen, der seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen lässt (Mt 5,45)? Wie könnte da ein Weinbergbesitzer, der im Gleichnis ja für diesen himmlischen Vater steht, die Pächter vernichten?
Es kommt nicht von ungefähr, dass diejenigen, die Jesus gefragt hat, eine gewaltsame Reaktion des Weinbergbesitzers annehmen. Die Spirale der Gewalt ist ja das, was üblich ist. Gewalt wird mit Gewalt wird mit Gewalt beantwortet. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Teufelskreis. Jesus sagt es hier nicht ausdrücklich, aber indem er die Antwort seiner Zuhörer auch nicht bestätigt, formuliert er unausgesprochen einen Protest gegen die Spirale der Gewalt. Und vor allem gegen die Annahme, Gott würde sich in diese Spirale hineinziehen lassen.
Erinnern wir uns an die Ausgangsfrage: Sind die gewalttätigen Bilder geeignet, um uns Gott nahezubringen? Ja – wenn wir den stillen Protest Jesu gegen die Gewalt mithören! Denn dann verstehen wir etwas vom Protest Gottes gegen die Gewalt der Menschen. So wie der Evangelist Matthäus das Gleichnis erzählt und einbettet, lässt er einen Grund deutlich werden, warum die Hohepriester und die Ältesten des Volkes ihre Aufgabe, den Willen Gottes zu lehren, nicht erfüllen. Weil sie sich von der Eskalation der Gewalt überrumpeln lassen und Gott in die Spirale der Gewalt hineinziehen. Aber die Verkündigung eines gewalttätigen Gottes widerspricht dem Reich Gottes, das Jesus verkündigt.
In den letzten Gedanken liegt die Aufgabe des heutigen Evangeliums für uns. Als Menschen, die an Jesus Christus glauben, sollen wir uns nicht von Gewalt überrumpeln lassen, sondern ihre Spirale durchbrechen. Lassen wir im Streit unsere Sprache nicht eskalieren! Denken wir über Alternativen zu militärischen Drohgebärden nach! Fragen und suchen wir nach unseren Möglichkeiten, Frieden zu stiften! Denn so bringen wir die Früchte des Reiches Gottes, eines Gottes, der seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute.